Wellness und Hygiene

 

Die Entwicklung von Hygiene und Sauberkeitsstandards in der westlichen Zivilisation bis hin zum Wellness-Zeitalter

Vor über 30 Jahren hat der Kurarzt Vladimir Krizek eine wunderbare „Kulturgeschichte des Heilbads“ (1), über die historischen Vorläufer der neuzeitlichen Spa- und Wellnessbewegung veröffentlicht.

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Er beschrieb darin, dass Wasser seit jeher mit dem Leben gleichgesetzt wurde.  Die diesem zugeschriebenen, reinigenden und heilenden Kräfte haben seit dem Altertum entscheidende Rollen in Mythologien oder Reinigungsritualen  eingenommen. Vielen Wasserquellen wurden besondere Heilkräfte zur inneren und äußeren Reinigung zugesprochen. Ausgehend von den Thermalbädern der Römer oder den Bädern des Mittelalters bis hin zu den Anwendungen des Pfarrers Sebastian Kneipp oder den mondänen Heil- und Trinkkuren der Moderne zeichnet Vladimir Krizek eine vielgestaltige, bunte Tradition nach. Nun hat der kanadische Medizinhistoriker Peter Ward eine Kulturgeschichte der Körperhygiene und Sauberkeit im Zeitalter der Moderne geschrieben (2).

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Er zeigt darin, wie sich ab dem 18. Jahrhundert, beginnend mit den ersten hygienischen „Trockenübungen“ des Adels – durch häufigeren Wechsel der Leibwäsche – über den steigenden Wasserverbrauch des Bürgertums infolge der sich verbreitenden „Ganzkörperwäsche“ allmählich auch ein verändertes Sauberkeits- und Reinlichkeitsgebot in den breiten Volksschichten durchsetzte. Peter Wards Buch trägt den Titel: „Der saubere Körper“. Es geht darin aber nicht nur um die kollektive und individuelle Körperhygiene, sondern auch um die Bedeutung der verbesserten sanitären Wasser- und Abwasserversorgung in den ärmeren Wohnvierteln, was wesentlich zur Eindämmung der Infektionsherde beitrug. Und auch die Entwicklung der privaten Wäschepflege und deren zunehmende Mechanisierung schildert Ward bis in die Gegenwartsgeschichte. Mit deren massenhafter Verbreitung wurden neue, medizinisch geprägte Standards von Sauberkeit und Infektionsprophylaxe gesetzt. Die Chemieindustrie übernahm seit dem 19. Jahrhundert immer mehr die Aufgaben der früheren Seifenmanufakturen. Es entwickelten sich regelrechte „Waschmittelkriege“ in der Werbung, um die Gunst der Konsumentinnen zu gewinnen. So entstand auch der Begriff der Seifenoper (Soap Opera), beliebte Hörfunk- und später auch TV-Serien, die durch zahlreiche Waschmittel-Werbeblöcke unterbrochen wurden. Als Mitte des 20. Jahrhunderts die tägliche Körperhygiene schließlich zum allgemeinen Standard wurde, entwickelten sich infolge des massenhaften Gebrauchs von chemischen Wasch- und Reinigungsmitteln neue Probleme: Ökologische für die Gewässer, dermatologische für die teilweise überstrapazierte Haut und schließlich allgemeine gesundheitliche durch die enthaltenen Mikroplastikpartikel. Der ständig gestiegene Hygienestandard droht sich nun durch die zunehmende globale Gefährdung der Wasserversorgung wieder zurückzuentwickeln.

Sauberkeit und Hygiene erscheinen heute nicht nur im medizinischen Bereich, sondern auch in Spa- und Wellnessbetrieben so selbstverständlich, dass man sich allgemein wenig Gedanken darüber macht, wie dieser hohe Standard überhaupt erreicht wurde. Für Spa- und Wellnessgäste ist er das wichtigste Qualitätskriterium, bei hautpflegenden, kosmetischen Behandlungen eine selbstverständliche Notwendigkeit. Und auch in Erlebnisduschen, Warmwasser-Pools, Saunen und Dampfbädern gilt Hygiene als oberstes Gebot. Viele Spa-Behandlungen drehen sich um reinigende Verfahren und entsprechende Rituale.  Die heutige Spa- und Wellnesswelt wäre ohne allgemeine Hygiene und den sauberen Körper wohl gar nicht denkbar.

Für das Online-Magazin Flaneurin habe ich all diese Entwicklungen in einem etwas ausführlicheren Beitrag beschrieben.

(1) Krizek, V.: Kulturgeschichte des Heilbads. Kohlhammer, Stuttgart, 1990
(2) Ward, P.: Der saubere Körper. Edition Froelich, Berlin, 2020
 


Helmut Milz - wellnessverband.de

Prof. Dr. med. Helmut Milz, Facharzt für Psychosomatische Medizin, verschiedene Leib- und Körpertherapien, ehemaliger Berater der WHO für Gesundheitsförderung, Public Health Experte, Autor von u.a.: „Der wiederentdeckte Körper“, „Der eigen-sinnige Mensch. Körper, Leib und Seele im Wandel“ (2019). www.Helmutmilz.de


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